Sucht-Musik

In der Kindheit Objekt hessischer Schulexperimente der 70er gewesen zu sein, hat vielfach bedeutet, die Schule zwar mit umfangreichem Wissen über Sexualität und Gesellschaft, aber auch in hinreichender Ignoranz von Kunst und Musik verlassen zu haben. Konnte das Elternhaus diese Katastrophe nicht auffangen, blieben Cranach und Corinth oder Bach und Bartók nur ärmliche Ahnungen.

Wer sich als solcher Nicht-Musiker nun im Verlauf der Jahre die Mühe macht, ein wenig in der symphonischen Musik zu stöbern, wird über kurz oder lang entdecken, ja geradezu müssen, daß Musik ein vielfaches Mehr ist, als es der – dem modernen Kommerz geschuldete – akustische Lärm ist, der aus Formatradios wie Playern gleichermaßen herausquillt.

Leonard Bernstein hat in jener Zeit in den USA unschätzbar wertvolle Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche durchgeführt, in denen er ihnen einen Zugang zur Musik vermittelte. Eine seiner Thesen lautete, daß Musik nicht über etwas handelt, handeln muß, sondern eben auch “bloß” unmittelbarer Lieferant für Empfindungen ist und damit Stimmungen auslösen oder konterkarieren kann.

Ein grandioser Komponist solcher Musik ist für mich Samuel Barber (Wikipedia). Wer sein Adagio für Streicher (Op. 11) hört oder seinem Violin-Konzert Op. 14 folgt, der kann verstehen, wie es demjenigen gehen muß, der den unfassbaren Tod eines nahestehenden Menschen beklagt. Und man ahnt, daß es nicht unbedingt einer selbstzerstörerischen Veranlagung zur Melancholie bedarf, um Musik die Kraft mentaler Beeinflussung zusprechen zu können.

Musik. Eine angenehme Sucht.

[Update]

Klaus Heitmann beschreibt, warum das Adagio exzeptionell ist.


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