Fliegende Arbeitnehmervertreter
Der gemeine Arbeitnehmer muß ja jeden privaten Kilometer mit dem Geschäftsfahrzeug versteuern. Und sein eigenes Schnitzel auf der Rechnung des Geschäftsessens darf er auch nicht absetzen. Das Finanzamt ist da eine ziemliche Spaßbremse.
Um so mehr erstaunt es mich, daß ein bekannter deutscher Arbeitnehmervertreter, nennen wir ihn “den Herrn von V”, einen geschenkten Flug per 1. Klasse in die Südsee im Wert von – grob und günstigst mal nur bis LA geschätzt – 10.000 Euro (seine Frau fliegt ja auch) einfach so akzeptiert und tatsächlich wahrnimmt. Bei einem – wie in der Presse zu entnehmen war – Monatsgehalt von 12.000 Euro erreicht er eine Progressionsstufe, die einen solchen Flug mit ca. 5000 Euro Steuern belasten müsste. Gut, damit wäre der 1.-Klasse-Flug vergleichsweise ein Schnäppchen. Oder verrechne ich mich da?
Es kann natürlich auch völlig anders gewesen sein. Als Aufsichtsrat ist der Herr von V selbstverständlich auch im Urlaub im – äh – Dienst. Und selbstverständlich muß er auch in der Südsee seine Kontrollfunktionen wahrnehmen können. Dann wäre es ja nur zu verständlich, daß ihn sein zu kontrollierendes Unternehmen angemessen unterstützt. Immerhin bekommen ja auch andere Mitarbeiter der Firma L einen kostenlosen Jahresurlaubsflug.
Nun sind Gewerkschafter keine Heiligen, das wissen wir zum Beispiel von einem ehemaligen Metaller-Vorsitzenden oder einem ehemaligen Arbeitsdirektor eines großen deutschen Autoherstellers. Und selbstverständlich darf ein Mitglied der Grünen auch einmal CO2-bedenklich Langstrecke in die Südsee fliegen, so finde ich.
Aber was mich bei dieser Angelegenheit einerseits erschüttert, das ist die wirklich mangelnde Instinktsicherheit einer öffentlichen Person, die einer Vereinigung vorsteht, der es um die Durchsetzung gerechter Verhältnisse in der Wirtschaft geht. Gewerkschaften griffen Frankreichs Staatspräsidenten an, als er sich von einem Industriellenfreund seinen Urlaubstrip nach Ägypten bezahlen lies. Und in Deutschland trat seinerzeit ein cleverer Ministerpräsident vom Amt zurück, weil sein Reisegebaren undurchsichtig war. Wie kommt der Herr von V dazu, für sich andere Maßstäbe anzusetzen und seiner Gewerkschaft somit einen solchen Bärendienst zu erweisen?
Querblog bringt es auf den Punkt:
Bsirske hat offenbar null Gefühl für die Wirkung, die sein Handeln in der Öffentlichkeit hat. Kein Wunder, dass Gewerkschaften und Parteien immer mehr Mitglieder verlieren. Wohin soll das führen?
Geradezu skandalös finde ich es andererseits aber, daß Aufsichsratsvertretern teilweise prestigeträchtige und teure Vergünstigungen verschafft werden. Aufsichtsräte sollen die Aktiengesellschaften respektive die Arbeit deren Vorständler kontrollieren – so aber besteht von vorne herein die Gefahr der Korrumpierung. Im Schnitt (Kienbaumstudie) verdienen deutsche Aufsichtsräte 15.800 Euro im Jahr (2006). Träfe dies hier auch zu, hätte der Geldwerte Vorteil dieses einen Fluges die gesamte Aufwandsentschädigung für das laufende Jahr mehr als verdoppelt.
Für den Herrn von V wird es jetzt schwer, seine Unabhängigkeit im Urteil eines Kontrolleurs glaubhaft versichern zu können und wo er doch von den Vergünstigungen privat Gebrauch gemacht hat. Dem aktuellen Interessenkonflikt, einerseits zur Werterhaltung des Unternehmens beizutragen, andererseits einen für das Betriebsergebnis desaströsen Streik zu befürworten ist er ja geradezu galant aus dem Weg gegangen. Der Herr von V stand nicht vor der V als es ihr ernst geworden ist.
Auf die nun folgenden Volten und Kapriolen bin ich schon sehr gespannt. Sie dürften rhetorisch höchst kunstvoll ausfallen, wenn sie wirkungsvoll sein sollen.
Rücktritt? Manche Wahlkämpfer sagen ja. Zettel sagt nein:
Wer so ungehemmt rechts lebt wie Wagenknecht, Trittin, Lafontaine und Bsirske, der muß freilich damit rechnen, vom Sozialneid getroffen zu werden.
und weiter:
Das ist nun einmal das Risiko, wenn man über die Klassenkampf- Schiene Karriere macht. Ein Grund zum Rücktritt ist es nicht
Ich sage ja zum Rücktritt, aber zu einem solchen aus dem Aufsichtsrat. Die Fähigkeit zur Wahrnehmung einer entsprechenden Verantwortung scheint mir nicht mehr gegeben zu sein.
Der Stern zitiert einen Verdi-Sprecher: der Anschlußflug würde aus eigener Tasche bezahlt, der Gratisflug selbstverständlich versteuert und die Kostenlos-Fliegerei ist natürlich üblich. Im übrigen stammten Rücktrittsforderungen von den “üblichen Verdächtigen”.
Ich frage mich allen Ernstes, was die Gewerkschaftsmitglieder bei der noch ausstehenden Abstimmung über den Tarifabschluß bei der Lufthansa davon abbringen sollte, das Ergebnis abzulehnen?
Dank an astrologieklassisch für die Hintergrundlinks.
Tags: Freiflug, Gewerkschaft, Lufthansa, Menschen, Moral, Politik, Südsee


