Archive for Februar 2009

 
 

Pictures in an Exhibition – Leibovitz' Life

Berlin hat mal wieder was von Weltrang zu bieten.

Zwar mit deutlich weniger Pomp, als bei den amerikanischen Franzosen, aber dafür – Dank der Location – um so authentischer und lebendiger ist seit dem 21. Februar eine Werkschau von Annie Leibovitz (dt. Wikipedia, umfangreicher in der engl. Wikipedia) im Berliner Postfuhramt zu sehen. Die schwangere Demi Moore mit den beiden Händen von Bruce auf dem Bauch, der nackte an seine Yoko Ono geschmiegte John Lennon 5 Stunden vor seiner Ermordung, die 2000 gerade ins Weiße Haus eingezogene hämisch grinsende Bush-Truppe – in der kollektiven Wahrnehmung des 20. Jahrhunderts eingebrannte Bilder, viele davon in der Ausstellung in Berlin.

Angereichert sind sie mit sehr persönlichen Aufnahmen aus dem privaten Leben der Leibovitz. Bilder der Mutter, der Geschwister, der Kinder der Familie, viele mit Stimmung, vorsichtig inszeniert, aber viele auch mit Schnappschußcharakter.

Eine pralle Tüte Leben in Fotos

3 Stunden entdecken auf 2 Etagen, thematisch gruppiert, die volle Breite des Spektrums anreißend. Mittendrin eine Zeitskala und daran orientierte Dutzende Kontaktabzüge. Zu sehen sind Auftragsarbeiten neben intimen Situationen, Alltagsszenen, Portraits berühmter und nicht berühmter Menschen, Reiseeindrücke, verfremdete Landschaften, Arbeitssituationen und Schreibtische. Finden sich in einem Raum die politischen und militärischen Helden Amerikas vom Schlage Powell und Schwarzkopf in Pracht und Gardeuniform, so finden sich im nächsten Zimmer Szenen der kranken und toten US-Geistesgröße Susan Sonntag, der Frau, mit der Annie in Liebe verbunden war und ist.

Szenen einer Arbeit

Und mittendrin – in einem ständig überfüllten und des Luftmangels wegen Ohnmacht generierenden Treppenhaus – ein sehr dichter Dokumentarfilm über die Leibovitz, über ihre Arbeit beim Rolling Stone, bei Vanity Fair, mit Shooting-Szenen und Sequenzen, die man aus einem “Making-of” entnommen haben könnte, mit vielen schnell geschnittenen Intervies, zum Beispiel mit Yoko Ono und mit Statements von unmengen von Weggefährten. Leibovitz’ Leben ohne Tabus mit allerlei Eskapaden.

C|O – “Care of” im Postfuhramt

Jenes Postfuhramt in der Oranienburger Straße, das seit einigen Jahren zum Kulminationspunkt für Fotographie geworden ist – Dank der engagierten und erstaunlichen Arbeit von C|O, eines Teams um Stephan Erfurt, Marc Naroska und Ingo Pott – jenes Gebäude in seinem unrestaurierten Zustand mit abplatzender Farbe, offen verlegten Leitungen, mit Scheinwerfern im Treppenhaus und all den abgenutzen Böden, Türen, Fenstern, es vermittelt genau jene Studioatmosphäre, die auch immer wieder aus den Bildern selbst entspringt. Annie könnte jederzeit zwischen den Menschen stehen und deren Erstaunen festhalten. Aber hat sie das nicht eben sogar?

Schlangestehen ist angesagt. Es ist es wert.

Ausstellung
Annie Leibovitz . A Photographer’s Life . 1990 – 2005
21.02. bis 24.05.09

C/O Berlin

200 teils großflächige, monochrome Landschaftsaufnahmen, teils private Familienfotos und kleinformatige Schwarz-Weiß-Porträts.

Es wurde geschossen. In Berlin.

Heute vor zwanzig Jahren am 6. Februar 1989 versuchte der 20-jährige Chris Gueffroy gemeinsam mit einem Freund, dem SED-Regime zu entkommen und nach West-Berlin zu fliehen. Kurz vor ihrem Ziel wurden die beiden jungen Männer entdeckt und vor dem Überklettern des Grenzzaunes von DDR-Grenzpolizisten beschossen. Zehn Kugeln trafen Chris Gueffroy, eine davon in die Brust. Er starb noch im Grenzstreifen.

Menschen, die ihre weltweit anerkannten Freiheitsrechte für sich in Anspruch nehmen wollen, wurden vom DDR-Staat mit tödlicher Gewalt daran gehindert. Zynisch dazu: der Mutter von Chris Gueffroy – sie war einen Tag nach dem Tod ihres Sohnes „zur Klärung eines Sachverhalts“ ins Ost-Berliner Polizeipräsidium bestellt worden – teilte man mit „Ihr Sohn hat ein Attentat auf eine militärische Einheit begangen. Ihr Sohn ist vor wenigen Stunden gestorben.“

Diese grausame Tat zeigt einmal mehr, wie menschenverachtend das Unrechtsregime der SED gewesen ist. Zugleich versteckten sich die Ausführenden passiv in Ansammlungen von Anordnungen und hinter Befehlsstrukturen. Einen Mörder gab es nicht.

Ich gedenke Chris Gueffroy und aller Menschen in der ehemaligen DDR, die ihren Wunsch nach Freiheit mit dem Leben bezahlt haben. Diese Verbrechen des SED-Regimes dürfen nicht in Vergessenheit geraten.

Wer heute die DDR verklärt, muß sich dieser Auseinandersetzung um die Menschenverachtung stellen. Der muß Gefängnisse wie Potsdams Lindenstraße besuchen oder die Keller der Stasi in Berlins Mitte.

Wer heute noch die Existenz des Schießbefehls in Frage stellt und die SED-Diktatur verharmlost, verhöhnt die Opfer und ihre Angehörigen, verhöhnt unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung.