Archive for Juni 2009

 
 

Charles Ponzi – gut für 150 Jahre Knast

Charles Ponzi ist die personifizierte Tellerwäschergeschichte. In nur 6 Monaten war er vom mittellosen italienischen Einwanderer zum bestens bekannten Millionär in Boston geworden. Sein Charme machte ihn zwingend, seine Cleverness berauschte, sein Aufstieg schien unaufhaltsam, Geldadel und High-Society lagen ihm zu Füßen.

1920 hatte Charles Ponzi eine Geschäftsidee und gründete – so würde man es heute nennen – ein Startup im Derivate-Bereich. Genügend Anleger fanden sein Anlagemodell attraktiv: Er versprach 50% Gewinn in 45 Tagen oder “double your money in 90 days” – eine Verlockung, deren Größenordnung voluminös genug war, um bei vielen ohne weitere Fragen nach Reputation und Plausibilität den Rest Zweifel im Innersten abzuschalten. Nur allzu bereitwillig kippten über 40.000 Anleger ca. 15 Millionen Dollar in dieses System. Der internationale Handel mit Postwertscheinen – einer Art universeller Post-Währung – sollte diese Erträge abwerfen.

Anleger nahmen Hypotheken auf oder verflüssigten ihre Altersvorsorge um Investments bei Ponzi tätigen zu können. Gewinne wurden oft sofort wieder reinvestiert. Eine Menge Agenten requirierte Ponzi mit üppigsten Provisionen und machte sie zu überzeugten Gläubigen, die aus Sparern wiederum Gläubiger machten. Schnell schwelgte Ponzi im puren Luxus, wohnte schon 1920 mit Air-Condition und beheiztem Swimming-Pool.

Kritische Nachfragen, zum Beispiel von Journalisten, konterte er mit Einschüchterungen und Klagen – und gewann seinen Prozess gegen eine Zeitung. Plausibel waren die Verdächtigungen zwar, aber eben nicht beweisbar. Spät erst recherchierte man gründlich und rechnete penibel nach. Doch selbst die aufkommende Unruhe nach einer ersten Artikelserie bekam Ponzi noch mit Geschenken in den Griff. Anleger vertrauten ihm weiter.

Beileibe war Ponzi nicht der erste, der ein perpetuales System erfunden hatte. Die Geschichte der modernen Zivilisation ist voll von einfältigen bis ausgeklügelten Systemen, aus dem Nichts Geld zu machen. Zu mächtig ist die Sehnsucht nach Reichtum, zu verlockend die Aussicht, mit frühem und kleinem Risiko gegenüber den Followern zu triumphieren. Keine Geld-Idee kann noch so esoterisch sein, als das sie nicht noch zum Kristallisationspunkt eines Anlagediamanten werden könnte.

Allen diesen Formaten ist aber das gleiche Kernelement gemein: die Ausschüttung von Erträgen aus gerade erst angelegten Geldern von Frischlingen – und eben nicht aus der Verzinsung der Anlage in fremden Geschäften. Eine Spirale entsteht. Ständig muß neues Geld zugeführt werden, damit die Legende vom gewinnträchtigen Geschäftsmodell aufrecht erhalten bleiben kann.

“Gelernt” hatte Ponzi von Luigi “Louis” Zarossi, einem Bankier, der sein Institut mit – vergleichsweise moderaten – Versprechungen von 6% Zinsen vor dem Konkurs bewahren wollte – was ihm nicht gelang. Zu dieser Zeit arbeitete Ponzi im Haushalt des Bankiers, eine einmalige Chance, diese Art von Geschäft aus erster Hand zu studieren.

Es kam, wie es immer kommt. Ein Außenanlass brachte das mühsam austarierte Schwindelgebäude zum Einsturz. Am Ende verzeichnet die Gerichtsbilanz des später “Ponzi-Scheme” genannten Betrugs 2/3 Verlust. 6 Banken machten in diesem Zusammenhang Pleite. Ponzi wurde erstmals verurteilt zu 5 Jahren Haft.

Gestern nun wurde der legitime Nachfolger Ponzis inauguriert. Er heißt Madoff und ist wegen des Betreibens eines Ponzi-Schemas verurteilt. Auf Madoffs Betrugskonto gehen keine Millionen, es sind Milliarden. Anlagevermögen in der Höhe eines Bruttosozialproduktes von Bulgarien oder Luxemburg ist vernichtet. Weg. Vollständig.

Bernard L. Madoff wurde zu 150 Jahren Gefängnis verurteilt. Ponzi saß alles zusammen gerechnet 12-einhalb. Die Anleger wurden in beiden Fällen mit dem Verlust Ihres Vermögens bestraft.

Die nächste todsichere Anlage wartet sicher bereits um die Ecke.

http://en.wikipedia.org/wiki/Charles_Ponzi

http://en.wikipedia.org/wiki/Ponzi_scheme

http://www.nytimes.com/2009/06/30/business/30madoff.html

"Nacht, Rathenow, Supermarkt"

Dieses Jahr klickt jenes Jahr ja nun zum 20sten mal als Echo im Kalender – jenes, in dem die DDR aushauchte. Eine gefühlte Ewigkeit ist es her und bald haben wir 50% Volk, die altersmäßig noch gar nicht in jenem Volk vertreten sein konnten, was da auf der Straße stand und seine Identität in den Himmel brüllte.

Doch diese DDR bestand nicht nur aus Volk. Sie war natürlich auch immer Gebäude, Landschaft, Zustand und hat über 40 Jahre Prägungen in Beton und Plaste erlebt, deren Dauerhaftigkeit gelegentlich im Verlassenen postmortal unangetastet blieb – zumindest durch Menschen, ergriffen allerdings von Verwitterung.

Fotoblog buzzaar

Fotoblog buzzaar

Solche Konstellationen sind es, die eine Berliner Fotografin immer wieder dazu treiben, bei ihren Streifzügen Eindrücke des Stehengebliebenen zu sichern. B.C. Richter (@BC_R) zeigt in ihrem Fotoblog “Buzzaar” Aufnahmen des Verlassenen. Ihre Szenen sind manchmal einsam, manchmal lakonisch, manchmal bedrückend. Die dramaturgisch wirkende Kombination aus Motiv, Blickwinkel, Ausschnitt und Beleuchtung läßt diese Ambivalenz des Verwitternden real werden.

Nicht zufällig haften Haftanstalten des SED-Staates diese Prägungen besonders lange an, sind diese Installationen doch alles andere als Lieblingsorte. “Abandoned Prison” (bei Flickr) hat B.C. Richter eine Serie über eine dieser Stasi-Strafvollzugseinrichtungen U-Haft-Einrichtungen genannt. Über ein Jahr hat sie (schon eine Weile her) in diesem Portfolio des disziplinierenden Alltags Aufnahmen genommen. Eine wie grade-erst-verlassen wirkende aber dennoch von allem Organischem befreite Küche steht da. Pfannen auf dem Herd, geöffnete Schubladen und mit Tischdecken akkurat belegte Tische. Daneben ein Gang in dem die Türen offen stehen, als hätte es den Befehl zur Räumung gleichzeitig für alle gegeben. Eine Batterie nahtlos eng aneinander gepresster Waschbecken vermittelt unmittelbar das Gefühl von Enge, obwohl die Menschen davor nur imaginär im Kopf des Betrachters erscheinen.

Und dann prangen da plötzlich massive Gitter vor Fenstern in einer brüchigen, notdürftig verputzten Waschbetonwand. Darüber gleich drei neugierige Überwachungskameras, die ihren Blick gebündelt aus dem Bild richten, merkwürdig nervös unangeordnet angeordnet. “This is not a prison, but a supermarket seen from behind. ” In Rathenow. Nächtens.

Ich vote sie bei Photoblog-Awards 2009.