Amoklaufende Medien?

HerrB schreibt:

[...]

Der Hauptgrund für das Phänomen des Amoklaufs, das mittlerweile seit zwei Jahrzehnten alljährlich die Berichterstattung beherrscht, ist die Berichterstattung darüber.

Mit Schulstess oder dergleichen hat dies also wenig zu tun. Doch während im Zuge des Wissens rund um den Werther-Effekt sich die Medien bei Suiziden mittlerweile bewusst zurückhalten, ist bei Amokläufen das Gegenteil der Fall – jedes Massacker mündet offenbar zwangsweise in reinen Berichterstattungspornos.

[...]

Einge hoch interessante soziologische Hinweise und eine sehr spezielle persönliche Schlußfolgerung.

Winnenden

Schock. Schulmassaker in Winnenden.

Mein Twitter-Fazit:

- Tweets und Retweets vor allem aus den klassischen journalistischen Kanälen

- Rumgebashe auf die “klassischen Medien” – die aber die Nachrichtenlieferanten sind

- Ganz wenig Originalmeldungen

- Einzelne Betroffene, die sich um ihre Kinder sorgen machen

- Einen Anruf von AlJazeera (!) nach Augenzeugen (ich sitze in Berlin)

- Twitter ganz live zum Thema: http://search.twitter.com/search?q=winnenden

Ich habe zum ersten Mal den Druck erlebt, der über Twitter ausgeübt werden kann.

Und was wird kommen?

Politikersprechblasen, die Suche nach dem Täterblog, die Diskussion über Killerspiele und die zu schärferen Waffengesetzen.

Aber…

Wer denkt an die Toten? Wer an deren Familien? An die Zerstörung in ihnen? Wer hilft Ihnen?

In Twitter ………… keine Spur.

Update 22:40

Jakblog/cjakubetz kommentiert aus Kollegensicht. Er spießt insbesondere den Zynismus auf, den viele am Geschäft beteiligte heute gezeigt haben, vermutlich aber auch sonst hinter den Redaktionswänden praktizieren.

http://www.blog-cj.de/blog/2009/03/11/amoklauf-jetzt-live/

Twitter ist eben öffentlich und unmitelbar. Wer auf seinem Screen search.twitter.com fährt, der stellt sich in den Hagel und zwar ohne Helm.

Mir scheint, das absurde am Twitterstream (ich meine nicht das Medium Twitter) ist das, was die Menschen absondern, wenn sie getrieben von ihren Emotionen und vom Takt der einprasselnden Updates keine Zeit für Reflektion haben. Reflektion wird durch Reflex ersetzt, die Dynamik des Gequatsches verhindert das Einschätzen, das Meinungsbilden und das Wortefinden. Dazu die Verwirrtheit, die durch das Neue und Aufregende entsteht.

Robert hat heute mittag schon ein sehr bewegendes Statement geschrieben, in seiner ihm eigenen Art, voller Weißheit und Wahrheit. Ich habe ihm gedankt dafür.

http://www.robertbasic.de/2009/03/wenn-die-sonne-scheint-und-man-dennoch-friert/

Auch Franziskript.de

http://blog.franziskript.de/?p=3459