"Nacht, Rathenow, Supermarkt"

Dieses Jahr klickt jenes Jahr ja nun zum 20sten mal als Echo im Kalender – jenes, in dem die DDR aushauchte. Eine gefühlte Ewigkeit ist es her und bald haben wir 50% Volk, die altersmäßig noch gar nicht in jenem Volk vertreten sein konnten, was da auf der Straße stand und seine Identität in den Himmel brüllte.

Doch diese DDR bestand nicht nur aus Volk. Sie war natürlich auch immer Gebäude, Landschaft, Zustand und hat über 40 Jahre Prägungen in Beton und Plaste erlebt, deren Dauerhaftigkeit gelegentlich im Verlassenen postmortal unangetastet blieb – zumindest durch Menschen, ergriffen allerdings von Verwitterung.

Fotoblog buzzaar

Fotoblog buzzaar

Solche Konstellationen sind es, die eine Berliner Fotografin immer wieder dazu treiben, bei ihren Streifzügen Eindrücke des Stehengebliebenen zu sichern. B.C. Richter (@BC_R) zeigt in ihrem Fotoblog “Buzzaar” Aufnahmen des Verlassenen. Ihre Szenen sind manchmal einsam, manchmal lakonisch, manchmal bedrückend. Die dramaturgisch wirkende Kombination aus Motiv, Blickwinkel, Ausschnitt und Beleuchtung läßt diese Ambivalenz des Verwitternden real werden.

Nicht zufällig haften Haftanstalten des SED-Staates diese Prägungen besonders lange an, sind diese Installationen doch alles andere als Lieblingsorte. “Abandoned Prison” (bei Flickr) hat B.C. Richter eine Serie über eine dieser Stasi-Strafvollzugseinrichtungen U-Haft-Einrichtungen genannt. Über ein Jahr hat sie (schon eine Weile her) in diesem Portfolio des disziplinierenden Alltags Aufnahmen genommen. Eine wie grade-erst-verlassen wirkende aber dennoch von allem Organischem befreite Küche steht da. Pfannen auf dem Herd, geöffnete Schubladen und mit Tischdecken akkurat belegte Tische. Daneben ein Gang in dem die Türen offen stehen, als hätte es den Befehl zur Räumung gleichzeitig für alle gegeben. Eine Batterie nahtlos eng aneinander gepresster Waschbecken vermittelt unmittelbar das Gefühl von Enge, obwohl die Menschen davor nur imaginär im Kopf des Betrachters erscheinen.

Und dann prangen da plötzlich massive Gitter vor Fenstern in einer brüchigen, notdürftig verputzten Waschbetonwand. Darüber gleich drei neugierige Überwachungskameras, die ihren Blick gebündelt aus dem Bild richten, merkwürdig nervös unangeordnet angeordnet. “This is not a prison, but a supermarket seen from behind. ” In Rathenow. Nächtens.

Ich vote sie bei Photoblog-Awards 2009.

Pictures in an Exhibition – Leibovitz' Life

Berlin hat mal wieder was von Weltrang zu bieten.

Zwar mit deutlich weniger Pomp, als bei den amerikanischen Franzosen, aber dafür – Dank der Location – um so authentischer und lebendiger ist seit dem 21. Februar eine Werkschau von Annie Leibovitz (dt. Wikipedia, umfangreicher in der engl. Wikipedia) im Berliner Postfuhramt zu sehen. Die schwangere Demi Moore mit den beiden Händen von Bruce auf dem Bauch, der nackte an seine Yoko Ono geschmiegte John Lennon 5 Stunden vor seiner Ermordung, die 2000 gerade ins Weiße Haus eingezogene hämisch grinsende Bush-Truppe – in der kollektiven Wahrnehmung des 20. Jahrhunderts eingebrannte Bilder, viele davon in der Ausstellung in Berlin.

Angereichert sind sie mit sehr persönlichen Aufnahmen aus dem privaten Leben der Leibovitz. Bilder der Mutter, der Geschwister, der Kinder der Familie, viele mit Stimmung, vorsichtig inszeniert, aber viele auch mit Schnappschußcharakter.

Eine pralle Tüte Leben in Fotos

3 Stunden entdecken auf 2 Etagen, thematisch gruppiert, die volle Breite des Spektrums anreißend. Mittendrin eine Zeitskala und daran orientierte Dutzende Kontaktabzüge. Zu sehen sind Auftragsarbeiten neben intimen Situationen, Alltagsszenen, Portraits berühmter und nicht berühmter Menschen, Reiseeindrücke, verfremdete Landschaften, Arbeitssituationen und Schreibtische. Finden sich in einem Raum die politischen und militärischen Helden Amerikas vom Schlage Powell und Schwarzkopf in Pracht und Gardeuniform, so finden sich im nächsten Zimmer Szenen der kranken und toten US-Geistesgröße Susan Sonntag, der Frau, mit der Annie in Liebe verbunden war und ist.

Szenen einer Arbeit

Und mittendrin – in einem ständig überfüllten und des Luftmangels wegen Ohnmacht generierenden Treppenhaus – ein sehr dichter Dokumentarfilm über die Leibovitz, über ihre Arbeit beim Rolling Stone, bei Vanity Fair, mit Shooting-Szenen und Sequenzen, die man aus einem “Making-of” entnommen haben könnte, mit vielen schnell geschnittenen Intervies, zum Beispiel mit Yoko Ono und mit Statements von unmengen von Weggefährten. Leibovitz’ Leben ohne Tabus mit allerlei Eskapaden.

C|O – “Care of” im Postfuhramt

Jenes Postfuhramt in der Oranienburger Straße, das seit einigen Jahren zum Kulminationspunkt für Fotographie geworden ist – Dank der engagierten und erstaunlichen Arbeit von C|O, eines Teams um Stephan Erfurt, Marc Naroska und Ingo Pott – jenes Gebäude in seinem unrestaurierten Zustand mit abplatzender Farbe, offen verlegten Leitungen, mit Scheinwerfern im Treppenhaus und all den abgenutzen Böden, Türen, Fenstern, es vermittelt genau jene Studioatmosphäre, die auch immer wieder aus den Bildern selbst entspringt. Annie könnte jederzeit zwischen den Menschen stehen und deren Erstaunen festhalten. Aber hat sie das nicht eben sogar?

Schlangestehen ist angesagt. Es ist es wert.

Ausstellung
Annie Leibovitz . A Photographer’s Life . 1990 – 2005
21.02. bis 24.05.09

C/O Berlin

200 teils großflächige, monochrome Landschaftsaufnahmen, teils private Familienfotos und kleinformatige Schwarz-Weiß-Porträts.