So groß sind die Illusionen und Träume, die Deutsche von diesem strahlenden und überaus verheißungsvollen Land an der anderen Seite des Atlantik haben, daß sie es mit dem ganzen Kontinent gleichsetzen. Amerika, das steht hierzulande zunächst einmal immer und überall für die Vereinigten Staaten. Und in gewisser Weise ist der Kontinent ja immer schon US-amerikanisch, Kanada im Norden – mal abgesehen von den Mounties, diesen Polizisten in Paradeuniformen – sieht innen aus wie die USA. Und die Wirtschaften der latein- und südamerikanischen Länder dienten Jahrzehnte als Ressourcen-Pool für die Geschäfte der USA mit der Welt. Die USA scheinen also nicht nur zwischen New York und Los Angeles zu liegen. Dieses Bild ist quasi Axiom deutscher Nachkriegsgeschichte.
Ausgeprägt hat sich dieses Bild in einem Tryptichon von gesellschaftlichem Wohlstand, politischem Wahrheitsanspruch und Weltmachtwirtschaft. Grade nach dem Untergang der Sowjetunion und dem damit verbundenen Wegfall des amerikanischen Nachkriegsantagonisten sind die Grenzen der USA noch einmal weiter in die Ferne gerückt. Der American-Way-of-Live schien sich auf anderen Kontinenten Bahn zu brechen, schneiste durch Urwälder und asphaltierte Wüstenwege.
Aber Amerika ist eben doch zwischen Kap Horn und Eismeer. Und so schaffen es die Länder der amerikanischen Süd-Hälfte angesichts der wirtschaftlichen Schwäche der USA der damit verbundenen Reduktion von Abhängigkeiten und der gleichzeitig erfolgenden Zunahme außeramerikanischer Handelsbeziehungen ihre Autarkie zu stärken. Ihr sozialistischer politischer Überbau bildet den neuen US-amerikanischen Antagonisten.
Zum selben Zeitpunkt müssen die USA einsehen, daß die der gegenwärtigen Administration zunächst unbegrenzt erschienenen Ressourcen eben doch endlich sind. Und die Amerikaner bekommen diese Tatsache wirklich drastisch vor Augen geführt. Da ist das außer Rand und Band geratene Wirtschaftswachstum der Chinesen. Da sind die militärischen Engagements, die wie Manöver gestartet wurden und sich zu existenzieller Bedrohung erwachsen. Schwäche wird offensichtlich, Drohgebärden Richtung Dritte wirken nicht mehr. Und dann passt plötzlich der Konsum nicht mehr zur Ressourcen-Seite des Wirtschaftsprofils.
Jörg Häntzschel analysiert heute in der Süddeutschen die Ära Bush-Sohn. Viel Gutes lässt er nicht an ihm, im Gegenteil, er macht ihn direkt verantwortlich für die gegenwärtige Ausprägung des amerikanischen Problems. Das dieses Problem so lange nicht virulent wurde liege an der Überlagerung mit Oberfläche: “Doch die dahindonnernde Wirtschaft der letzten Jahre und der sagenhafte Konsum, den sie den Amerikanern erlaubte, wirkten wie Botox in Amerikas faltigem Gesicht.” (Link)
Die USA brauchen eine grundlegende Neuorientierung. Sie müssen ihren Way-of-Life infragestellen. Ressourcenknappheit, zunehmende politische Widerstände, schwächere Bündnisse, die degradierte Gesundheit der Bevölkerung, die offenkundige Bildungsmisere, nie war die Aufgabe größer als heute. Häntzschel wähnt die USA als den tatsächlichen Verlierer der Globalisierung. Alle Amerikaner müssen nun mitziehen, müssen ihr Selbstverständnis auf den Prüfstand stellen, müssen den Blick über den Rand wagen, müssen aufhören zu träumen sich den veränderten Realitäten stellen und neue Konzepte entwickeln.
Daß Amerikaner noch Großes bewegen können, wollen jetzt zumindest Microsoft und Yahoo durch die angestrebte Übernahme beweisen. Andererseits kann man diesen Schritt auch als Konsolidierung in einem bedrohten Markt werten. Noch dazu, wenn die Dienstleistungen und Produkte dieser Märkte auf die Förderung des Konsums ausgerichtet sind, ausgerechnet jenes Elementes, dessen Zustand man zur Zeit in der Börsensprache am deutlichsten mit “underperfoming” umschreiben kann.