Laconi.ca est

Nicht die Diskussion über die Berechtigung von System A oder System B ist spannend, sondern, welche Dynamik sich gerade in der ganzen technischen Klasse abspielt.

Chris von Fixmbr hat dankenswerterweise und mit sicherem Gespür für die Auswahl einige Zitate aus der englischsprechenden Welt zum Thema Identi.ca zusammengefasst. Erstaunlich und wieder nicht, dreht es sich ums “Wer mehr User hat, hat mehr Berechtigung”.

Erstaunlich deswegen, weil bei der Entscheidung des neugierigen Users für die Teilnahme an einem bestimmten System natürlich gute technische Angebote eine Rolle spielen. Auch der gebotene Umfang von Funktionen ist wichtig. Wer sich dem Microblogging – so wie immer noch viele in D – erstmals annähert, der würde natürlich viel eher diese Punkte in Erwägung ziehen.

Nicht mehr erstaunlich ist diese Techcrunch-zentrierte Diskussion, wenn sich Leute melden, die früh schon getwittert haben. Klar, man hat seine Community und aus der wechselt man alleine nicht gerne raus. Gewohnheiten sind wichtig, manchmal sind es auch die Abhängigkeiten.

Es stehen sich somit das Erkennen von Schwächen und Entwicklungsbedürfnissen (samt Featureritis) und der Wunsch nach Stabilität im sozialen Netzwerk gegenüber.

Aus diesem – im Sinne Cems zweiten – Antagonismus als weitere Motivation des Schubes kann man meines Erachtens nach aber die mögliche Entwicklung einigermaßen skizzieren.

  • Laconica bricht Twitters Idee auf. Es skaliert und löst damit technische Probleme. Es ist Open Source und bietet dadurch enorme Möglichkeiten für Schnittstellen und Teilentwicklungen. Microblogging-Netze können auf diese Weise so morphen, wie Single-Systeme wie Twitter es nie können werden.
  • Laconica bietet Raum und Feld für ex-corporate-evangelists. Ich will den Namen ja nicht schon wieder nennen, Robert hats ja so eingeleitet mit “merkt Ihr nicht…” Evangelists bündeln Meinungen treiben die Diskussion, formulieren Forderungen und Vorschläge. Evangelists bilden Gruppen gleicher Geister (GGG), werben für das gemeinsame Nutzen und handeln. Mit der angekündigten MBC09 gibt es einen ersten Beweis der These. Mengen von Menschen werden zu begeisterten Usern in kritischen Größenordnungen.
  • Laconica bietet durch die beabsichtigte Skalierbarkeit das Versprechen von Nutzer-Wachstum in Größenordnungen und somit auch von einem gigantischen Kommunikationsfluß. Wer immer sich mit Semantik befaßt, wird ein riesiges Reservoire von Untersuchungsmasse finden.
  • Laconica ist als junges und irrsinnig schnell wachsendes technisches System und damit – unter der Voraussetzung der Vernetzbarkeit – als Basis einer Systemklasse erstmals in einer Position, in der Nutzer ihre Identitäten mehrfach nutzen könnten. Was die SocNets alle nicht auf die Reihe gebracht haben, nämlich die Garantie zu bieten, als Nutzer Brenrhad exakt mit den selben Merkmalen in allen Systemen präsentsein zu können, daß könnte Laconica einfach deswegen bieten, weil es in der Position ist, Standards zu setzen.

Der wichtigste Knackpunkt wird sein, wie man Identitäten aus einem System in ein weiteres System schalten kann. Vielleicht gehts ja auch schon mit Pseudo-Nachnamen, der Nachname als Bezeichnung für das Netz, in dem man seine Basis hat. Ich twittere dann also als “@laconica>brenrhad”

Ist das Problem gelöst, kriegen wir endlich die Autobahn für flüchtige Kommunikation, die wir mit Chats, ICQ und Twitter hofften bereits zu haben.

Unter diesen Voraussetzungen sind die erstaunlichsten Sachen denkbar. Mir macht das jedenfalls schon jetzt unglaublich Spaß.

Von heute in den nächsten Sommer geschaut? Ich wiege mein Haupt, leicht zur Seite und wieder zurück, pendele in ein nickendes Ja: Twitter wird über einen Austausch der technischen Basis hin zu einem offenen System nachdenken. Zumindest wird es Nachnamen zulassen.